Anforderungsmanagement im digitalen Wandel

Anforderungsmanagement

Wer den Hafen nicht kennt, in den er segeln will, für den ist kein Wind der richtige. (Lucius Annaeus Seneca). Oder anders ausgedrückt, wer keine Vorstellung hat, wo er hin will (müsste), der weiss nicht, wie er die Segel richtig setzen muss. – In Zeiten raschen Wandels ist dies bis zu einem gewissen Grad jedoch normal und es gehört zu den Herausforderungen des Managements, mit dieser Unsicherheit umzugehen. Oder wer weiss heute schon genau, wo uns die digitale Transformation genau hinführt und wie rasch die Entwicklungen eintreten? Das technologisch machbare kann uns nur eine Idee geben. – Dass es oft anders kommt, hat uns die Geschichte mehrfach gelehrt. Verloren im Buzzword-Jungle folgen viele Unternehmen jedoch angebotsgetrieben irgend welchen wagen Trends. Dabei wäre wichtig, zuerst seine Hausaufgaben zu erledigen. Dazu gehört die aktive Auseinandersetzung mit neuen (digitalen) Geschäftsmodellen und Erlösquellen, ein breit abgestütztes und innovatives Anforderungsmanagement, der Auf- und Ausbau der benötigten Skills und des strategischen Netzwerks sowie das Initiieren und Coachen eines tiefgreifenden Kulturwandels, um nur einige zu nennen. Wer sich heute gut aufstellt wird als Gewinner aus der Transformation hervorgehen.   

Wie soll man da bloss die Übersicht bewahren?

Tatsächlich muss man den Unternehmen zu Gute halten, dass es in den letzten paar Jahren schwierig war, Schlagworte wie IoT, Industrie 4.0 (bzw. 2025), AI, Big Data, u.s.w. richtig zu fassen und einzuordnen. Statt sich zusammen zu setzen und die Zukunft gemeinsam zu gestalten, haben nicht wenige versucht, Profit aus der „Unsicherheit“ zu schlagen (Hochschulen, Berater und Lösungsanbieter gleichermassen). Und die fehlenden Begriffsnormierungen haben die Verwirrung noch verstärkt.

Digital IQGemäss der aktuellen Studie «Digital IQ 2017» von PWC und Oxford Economics über die digitale Bereitschaft der Schweizer Unternehmen sind viele Schweizer Unternehmen noch immer nicht ausreichend auf den technologischen Wandel vorbereitet. In der Schweiz stufen nur rund die Hälfte der Führungskräfte den sog. digitalen IQ ihres Unternehmens als hoch ein (s. Grafik). Geht es um das Know-how der Angestellten äusserten gerade mal 43 % (im Vergleich zu 65 Prozent weltweit) zuversichtlich darüber aus, dass man die nötigen Fähigkeiten im Unternehmen besitzt, um dem digitalen Wandel beizukommen. Trotz zunehmender Automatisierung scheint der Faktor Mensch immer bedeutender zu werden. Schliesslich ist die digitale Transformation v.a. eins: ein permanenter Lernprozess.

„Der Faktor Mensch bleibt trotz Automatisierung entscheidend“

Und genau dieser Lernprozess sowie der kreative und innovative Austausch sollte im Unternehmen sowie über die Unternehmensgrenzen hinaus gefördert werden. Ganz egal, wie hoch der digitale IQ des eigenen Unternehmens aktuell ist, das wahre Kapital liegt in den Mitarbeitern sowie in der richtigen Unternehmenskultur. Neugierde gepaart mit dem nötigen Raum, Innovation entstehen zu lassen, vermag allfällige Versäumnisse in Kürze wett zu machen. Wichtig ist, aufmerksam zu bleiben und regelmässig die eigenen Anforderungsprofile anzupassen, sowohl in Bezug auf Wissen wie hinsichtlich Technologie. Denn eins ist gewiss: die Konkurrenz schläft nicht und immer öfters handelt es sich dabei um unbekannte, dynamische und ambitionierte Start-ups mit potenten Risikokapitalgeber im Rücken, die v.a. Eines anstreben: disruptive Geschäftsmodelle mit „Unicorn“-Charakter.  Eine Aufholjagd kann selbst gestandene Unternehmen teuer zu stehen kommen und im einen oder andern Fall sogar vergeblich sein.

Während man sich früher oft nur situativ mit der Anforderungsaufnahme beschäftigte und sich eine Strategie und Prozesse zurecht legte, die über einen längeren Zeitraum Gültigkeit hatten, sind in Zeiten raschen Wandels andere Ansätze gefragt. Aufgrund der hohen Veränderungsdynamik auf allen Ebenen müssen die internen Lernprozesse eine gewisse Regelmässigkeit erhalten und stärker im Unternehmen verankert werden. Prämissen müssen laufend überdacht und im Kontext neuer Erkenntnisse neu beurteilt werden. Die Schwierigkeiten fangen jedoch bereits viel früher an. Wer bzw. wie sollen Anforderungen definiert werden, wenn unklar ist, wo die Reise hingeht und wie man dahin kommt?

Prozess- und Anforderungsmanagement als permanente Aufgabe

Aus den Veränderungen im Unternehmen und seiner Umwelt gehen laufend neue Anforderungen hervor. Je nach dem, wie empfänglich man dafür ist und wie man diese beurteilt, handelt man unterschiedlich. Wir erleben in unseren Projekten immer wieder ähnliche Muster:

  • der Bewahrer: Einerseits besteht die Tendenz, an Alteingesessenem festhalten und Bewährtes einfrieren zu wollen. Daraus resultiert die Gefahr, sich vor den nötigen Veränderungen zu verschliessen und Chancen zu verpassen. Sollte der Bedarf später doch erkannt werden, sitzt man u.U. bereits auf falschen Systemen oder kämpft mühsam um das mittlerweile hart umkämpfte Know-how spezialisierter Fachkräfte. Anders ausgedrückt: „Wer nicht segeln kann oder will, muss rudern.“
  • der Voreilige: Umgekehrt kann es vorkommen, dass ein Soll-Zustand zu früh und zu rigoros umgesetzt wird, ohne dem Zeitaspekt (Transformation von Unternehmen, Gesellschaft, Markt, Recht, Politik) gebührend Rechnung zu tragen. Die bestehenden Ist-Anforderungen werden ignoriert mit dem Resultat, als „First Mover“ unterzugehen.
  • der Haudegen: Ähnlich ungünstig ist der Fall, bei dem das Soll falsch oder unklar definiert wird und dadurch quasi mit dem falschen Schiff ein falscher Hafen angesteuert wird. – Oder wenn das Soll zwar richtig definiert aber falsch umgesetzt wird. Mindestens ein Wettbewerber wird es bestimmt besser machen und das Rennen für sich entscheiden.

Ein allgemein gültiges Rezept gibt es selbstverständlich nicht. Sonst würde wohl niemand von „disruptiven“ Entwicklungen sprechen, denn jeder würde sich rechtzeitig vorbereiten und die richtigen Schlüsse ziehen. Hinzu kommt, dass die Schweizer Unternehmen in ihrem spezifischen Kontext immer sehr verschieden sind und es daher wichtig ist, diesen Spezifika ausreichend Rechnung zu tragen. Gute Berater mit Weitsicht, welche die heutigen und künftigen Anforderungen in den Kontext der gesellschaftlichen und technologischen Veränderungen einzuordnen vermögen, können wertvolle Orientierung schaffen. Sie helfen, Geschäftsmodelle mit zu entwickeln, die Segel frühzeitig korrekt zu setzen und gehen die Reise hin zu einem modernen Unternehmen im 21. Jahrhundert mit.

Was heisst das also für mein Unternehmen?

In Zeiten raschen Wandels besitzt niemand der Weisheit letzte Schluss. Wer jedoch aktiv anfängt, das Unternehmen für die Zukunft richtig aufzustellen (und dazu gibt es genügend konkreten Handlungsbedarf), der wird viel Zeit gewinnen, wenn neue Geschäftsmodelle und strategische Erfolgspositionen erstmal klarer werden. Wichtig ist, dass man anfängt, sich permanent und systematisch mit den Veränderungen auseinanderzusetzen, Prozesse, Prämissen und Anforderungen regelmässig zu prüfen und Entscheidungswege zu verkürzen. Ein Paradebeispiel sind Umsetzungen von datengetriebenen Services, für die (je nach Branche) interessante Praxisfälle aktuell oft noch fehlen, die jedoch sehr schnell kommen werden. Wer bis dahin die Hausaufgaben erledigt hat, wird viel schneller in der Umsetzung sein und neue Umsatzkanäle erschliessen können. Dafür muss die Unternehmung jedoch richtig aufgestellt sein. Mit Sprints, Prototyping, Design Thinking und zahlreichen anderen Methoden lassen sich Ideen zudem rasch umsetzen und deren Marktpotential prüfen. Auch wenn vielleicht nicht alles aus dieser Phase ein Erfolg wird, so helfen die gemachten Erfahrungen doch der Entwicklung einer agilen Lern- und Fehlerkultur, die den digitalen IQ erhöhen und das Unternehmen auf Dauer massiv weiterbringt. Setzen Sie heute den ersten Meilenstein…

Veröffentlicht am 26. Mai 2017

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