Automobil-Zulieferer & ERP – Auf was es ankommt

ERP für Automobil-Zulieferer

Die Neueinführung oder Ablösung einer Software im Bereich ERP für Automobil-Zulieferer stellt für viele Unternehmen eine große Herausforderung von strategischem Ausmass dar. Die Automobilindustrie nimmt seit jeher eine Vorreiterrolle ein in Sachen Standardisierung, Automatisierung und Transparenz. Entsprechend hoch sind die Erwartungen und Anforderungen an die gesamte Lieferkette, insbesondere an die Tier1 – Automobil-Zulieferer. Wer in dem Geschäft mitmischen will, muss nicht nur die eigenen Prozesse beherrschen, sondern über ausgezeichnete Kunden- und Branchenkenntnisse verfügen. Kontinuierliche Verbesserung wird bedingungslos vorausgesetzt – Rückschritt abgestraft. Um in diesem Umfeld bestehen zu können, müssen Organisation, Prozesse und Systeme 100% abgestimmt und auf den Kunden ausgerichtet sein. Die Unternehmenskultur muss dabei nicht nur die fortlaufende Verbesserung aktiv suchen und leben, sondern gleichzeitig die nötige Flexibilität bei sich oft kurzfristig verändernden Kunden- und Marktanforderungen beweisen. Konsequenterweise sind die Prozesse regelmässig und kritisch zu hinterfragen und die Systemlandschaft auf dem neusten Stand zu halten. Koexistente (Prozess-)Stabilität und Veränderung sind in diesem Geschäft keine Widersprüche, sondern tagtägliche Herausforderung und gelebte Wirklichkeit.

ERP für Automobil-Zulieferer: branchenspezifisch und flexibel

Die zahlreichen Automobil-Zulieferer bilden heute ein essentielles Element der OEM (Original Equipment Manufacturer) – Lieferkette bzw. der „verteilten Produktion“. Gleichzeitig ist man konfrontiert mit Anforderungen aus Standortverlagerungen, Plattformkonzepten und neuen Formen der Zusammenarbeit mit aufstrebenden Staaten. Eine ERP-Software muss dabei fähig sein, die Produktion in verschiedenen Werken zentral zu steuern und den reibungslosen Datenaustausch zwischen den Standorten sicherzustellen. Das System muss allerdings weit mehr können als Prozesse umzusetzen und zu überwachen, denn die Automobil-Zulieferer stehen unter einem permanenten Druck: Kontinuierlich hohe Lieferbereitschaft, regelmässig geforderte Preisreduzierungen, Rückwärtsintegration neuer Prozessanforderungen oder neue Datenflusskontrollen. Die dadurch nötige Flexibilität und Anpassungsfähigkeit muss nicht zuletzt IT-seitig in höchstem Masse gewährleistet sein. Die nötige Prozesskompetenz und Kosteneffizienz, um im Markt bestehen zu können, setzt bei den Zulieferern ein hohes Maß an innerbetrieblicher Transparenz voraus. Das ERP-System muss dazu die nötigen Unternehmenskennzahlen wie Liefertreue, Ausschuss, PPM-Werte, Fehlmengen, Lieferantenbewertungen, etc. bereitstellen. Fortschrittliche Bedarfs- und Planungs-Cockpits geben zudem Echtzeit-Informationen bzgl. Abrufsituation, Abnahme von vereinbarten Mengen und Qualität der Abrufe wieder. Unregelmässigkeiten bei Liefer- oder Feinabrufen sind dabei rasch ersichtlich und können mit dem Kunden zeitnah analysiert werden.

Systematische ERP-Evaluation – Auf was es dabei ankommt

Angesichts der hohen, mehrdimensionalen Anforderungen an die Autozulieferer, sowie des permanenten Kostendrucks, kann die Auswahl des geeigneten ERP-Systems Match-entscheidend sein. Die erste und wichtigste Frage an mögliche ERP-Anbieter sollte dabei lauten:

  • Branchenlösung: Werden Automotive-spezifische Anforderungen in der ERP-Software abgedeckt?“

Nur wenn dies sichergestellt ist, lässt sich die ganze Wertschöpfungskette übergreifend transparent und effizient genug managen. Die damit verbundenen, bereichsweisen Anforderungen sind gründlich und durch erfahrene Leute abzuklären und aufzunehmen. Dazu gehören u.a. folgende, erfolgskritischen Fragestellungen:

  • Ist beim Vertrieb eine Rahmenauftrags- und Abrufverwaltung möglich und eine Preisentwicklung ersichtlich
  • Wird die Planung ausreichend unterstützt und informiert das System über Produktionsauslastung, Reichweiten und Lieferbereitschaft?
  • Ist ein Datenaustausch zwischen unterschiedlichen Produktionssystemen in Echtzeit möglich (hochauflösende Produktion)?
  • Lassen sich Prozesse wie NLK (Neues Logistikkonzept), Perlenketten, verteilte Produktion, etc. aus Zuliefersicht abbilden?
  • Wird das HUM (Handling Unit Management) über die ganze Kette systemisch unterstützt?
  • Ist eine effiziente Versandplanung, Erstellung der Versandpapiere, EDL-/LLZ-Abwicklung, sowie das Behältermanagement möglich?
  • Ist die geforderte, durchgängige Lieferantenanbindung im Rahmen des elektronischen Datenaustausches (EDI) möglich, inkl. Fakturierungs- bzw. Gutschriftsverfahren (Selfbilling)?
  • Stellt das System die nötigen Ländertemplates und Sprachen zur Verfügung und ist das System entsprechend international einsetzbar?
  • Flexibilität, Anpassungs- und Releasefähigkeit: Aufgrund des großen Wettbewerbsdrucks und der rasanten Entwicklung im Automotive-Geschäft, muss ein ERP-System die nötige Flexibilität bieten und darf ein Unternehmen nicht unnötig stark in seiner Bewegungsfreiheit einschränken. Ein Releasewechsel muss dabei schlank vollzogen werden können, ohne kundenseitig zu viele Ressourcen zu binden.
  • Weiterentwicklung: Das dynamische Umfeld der Automobil-Zulieferer bedingt, dass ein ERP-System den neuen oder kundenspezifischen Prozess-Anforderungen folgen kann und dass ein starker Entwicklungspartner dahinter steht, welcher nahe an der Branche operiert. Die kontinuierliche Weiterentwicklung der Business-Software-Lösung muss somit vorausgesetzt werden können.
  • Methodischer Auswahlprozess durch einen erfahrenen, unabhängigen ERP-Berater: Gerade im Automotive-Umfeld ist es unerlässlich, die ERP-Evaluation systematisch und durch möglichst erfahrene Partner vorzunehmen. Nur dadurch kann angesichts der unüberschaubaren Anzahl von Systemen und Anbietern der beste „FIT“ garantiert und Folgekosten, Frust und Reibeverluste in der Nach-Einführungsphase verhindert werden. Nur eine gesamtheitliche Betrachtung ausgehend von der Strategie des Unternehmens, welche sowohl der technischen Umsetzung, den TCO (Total Cost of Ownership), der Kompetenz und dem Service-Verständnis des Anbieters, sowie dessen Finanz- und Innovationskraft Rechnung trägt, vermag einem strategischen Projekt dieser Grössenordnung gerecht zu werden.

Fazit: Ein gutes, speziell auf die Automobil-Zulieferer zugeschnittes ERP-System bietet mehr Sicherheit und Transparenz. Zudem steigert es die Effizienz und Wettbewerbsfähigkeit in einem stark umworbenen Geschäft. Eine ERP-Lösung, die nur den Anspruch hat, ein produzierendes Industrieumfeld zu bedienen, jedoch die besonderen Anforderungen einer Hochleistungslogistik nicht berücksichtigt, reicht dazu leider bei Weitem nicht aus. Die Lösung muss sämtliche Normen und Geschäftsprozesse beherrschen, ob EDI (Electronic Data Interchange) oder kundenspezifische Sonderprozesse wie das „Neue Logistik Konzept“ (NLK) von VW und Audi oder die „Perlenkette“ von Audi. Positiv ist: Wer die Prozesse einmal beherrscht und sich auf die IT-technischen Möglichkeiten moderner ERP-Systeme verlassen kann, wird nicht nur seine Wettbewerbsposition nachhaltig stärken, sondern gleichzeitig Lager abbauen, Personalressourcen einsparen und Kosten senken können.

Veröffentlicht am 24. August 2015

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