Best Practice ERP- Erfolgsmodell oder Risiko?

Best Practice ERP

Haben Sie sich auch schon ertappt, wie Sie nach „Best Practice“ oder „Best Practice ERP“ gegoogelt haben? Keine Angst, Sie sind dabei in guter Gesellschaft. Wer Zeit gewinnen, einfache und wiederkehrende Fragestellungen lösen und das Rad nicht neu erfinden will, der tut gut daran, auf bewährte Ansätze zurückgreifen. Doch ist „Best Practice“ im digitalen Zeitalter der rasanten Veränderung überhaupt noch ein erfolgsversprechendes Konzept? – Dazu ein Denkanstoss!

Best Practice bezeichnet bewährte, optimale bzw. vorbildliche Methoden, Praktiken oder Vorgehensweisen im Unternehmen. Sie gilt nach allgemeinem Verständnis als sinnvollste Alternative in einem bestimmten Kontext. Unternehmen, die nach einer Best Practice vorgehen, setzen beispielsweise bewährte und kostengünstige Verfahren, technische Systeme und Geschäftsprozesse ein, die einem Kreis anerkannter „Musterbetriebe“ folgen. Im Vergleich zu einem gesetzten Standard sind Best Practices viel flexibler und stellen lediglich eine unverbindliche Empfehlung dar.

Best Practice ERP – richtig eingesetzt und mit dem richtigen Partner

Wie bei allen (betriebswirtschaftlichen) Modellen und Konzepten ist der Kontext ihrer Anwendung sehr entscheidend. Ein Unternehmen muss sich fragen, welches seine Hauptprozesse im Wertschöpfungsprozess sind, auf welche Kernkompetenzen es sich fokussieren möchte und wo die strategischen Erfolgspositionen gegenüber der Konkurrenz liegen. Eine strategische Planung legt somit den Grundstein für den Entscheid, wo Standardprozesse erwünscht oder Innovation gefordert wird. Dabei spielen u.a. die technologischen und gesellschaftlichen Entwicklungen eine ganz zentrale Rolle. Insbesondere die daraus hervorgehenden Verdrängungstechnologien und Märkte drohen, bewährte Geschäftsmodelle in sehr kurzer Zeit verschwinden zu lassen. Wer heute noch optimiert („Best Practice-Ansatz“), kann morgen von der Bildfläche verschwunden sein. Natürlich ist dies etwas überspitzt aber beobachtet man die aktuelle Transformation in verschiedensten Industrien, so kommen einige gestandene Traditionsunternehmen doch ziemlich ins wanken. Als Beispiele seien erwähnt die schrittweise Verdrängung der Taxibetriebe durch Uber und selbstgesteuerten Fahrzeuge, wie diejenigen von Google, das Verschwinden der Blockbuster-Läden (Videotheken) wegen Netflix oder die rasante Entwicklung rund um den 3D-Druck, die verschiedenste Industrien transformieren dürfte. Wer als Autobauer, Automobilzulieferer, Transportunternehmer, Bauherr, Bankmanager, u.s.w. immer noch schwergewichtig versucht, Prozesse zu optimieren und Best Practice Ansätze zu implementieren, der sollte dies zumindest versuchen, in den Gesamtkontext zu stellen und auf die Bedeutung in der (nahen) Zukunft zu beurteilen. Die selben Überlegungen gelten natürlich bei der Anschaffung von Business Software, wie z.B. ERP-Systeme, welche viel „Standard“ und „Best Practice“ zur Unterstützung der Unternehmensprozesse versprechen. So wertvoll diese Instrumente sind, so wichtig ist es, dabei auf einen Partner zu setzen, der das Unternehmen und die Branche kennt, die aktuellsten Entwicklungen mitgeht und die Entwicklungskapazitäten hat, auch kurzfristig auf neue Anforderungen zu reagieren. Der Begriff „Partnerschaft“ erhält dabei eine ganz neue Dimension. Eine sorgfältige ERP-Evaluation bzw. eine vorausschauende Analyse (ERP-Check-Up) sollen dabei gewährleisten, dass auf dem äusserst fragmentierten ERP-Markt die richtige Wahl für die Zukunft getroffen wird.

Komplexe Fragestellungen erfordern adäquate Lösungsansätze

Wie Dave Snowden in seinem berühmten Cynefin-Framework (A leader’s framework for decision making) sehr schön darlegt, muss der Lösungsansatz zur Problemstellung passen, wie der Schlüssel ins Schlüsselloch. Wird man der Komplexität der Situation nicht ausreichend gerecht, wird eine Problemlösung schwierig bis unmöglich. Dies bedingt eine saubere Analyse der Ausgangslage.

Best Practice ERP

 

 

 

 

 

 

 

Wer sich systematisch und oft mit Problemlösungsprozessen beschäftigt weiß, dass eine gute Lösung oft deshalb verunmöglicht wird, weil die Problemerkennung nicht oder viel zu kurz stattfindet und man über mögliche Lösungen diskutiert, bevor das Problem in seiner Ganzheit überhaupt erfasst wurde.

Talente finden Lösungen, Genies entdecken Probleme.“ (Hans Krailsheimer)

Kommt man in der Analysephase zum Schluss, dass es sich um ein einfaches Problem nach Snowden handelt, d.h. Ursache und Wirkung sind bekannt, die Einflussgrößen können kategorisiert und Lösungen relativ einfach daraus abgeleitet werden, dann bieten sich sogenannte Best Practice Konzepte an. In allen anderen Fällen ist man gut bedient, auf andere Ansätze zurückzugreifen. Überträgt man dies nun auf die Suche nach einer „Best Practice ERP“-Lösung, dann könnte man u.a. folgende Schlüsse ziehen:  Eine Software darf in der Sprache von Snowden per se nicht komplex sein, da dies fatal wäre für ein Unternehmen. So weit so gut. Best Practice kann jedoch nur dort sinnvoll sein, wo nicht erfolgskritische oder wettbewerbsentscheidende Prozesse unterstützt werden. In jenen Fällen auf bewährte Software-Lösungen der Marktführer zu setzen kann also ein effizienter, kostengünstiger und somit vernünftiger Ansatz sein. – Zu gering sind dabei die Unterschiede zu den Anforderungen anderer Unternehmen. In vielen anderen Fällen wo unternehmens- bzw. branchenindividuelle Anforderungen zum Tragen kommen, sind die als „Best Practice“ verkauften Standardlösungen zumindest kritisch zu beleuchten. Und schliesslich ist der Komplexität einer ERP-Einführung gebührend Rechnung zu tragen, indem bei der Projektplanung und später im Rahmen des Change Managements versucht wird, möglichst große Teile des Gesamtsystems (Unternehmen und Umwelt) zu erfassen und mit adäquaten Ansätzen der konkreten Ausgangslage gerecht zu werden. 0815-Konzepte gibt es dabei nicht.

Fazit: 

Best Practice Ansätze, richtig eingesetzt, können sehr wertvoll sein und sollten in der Praxis generell viel häufiger ausgetauscht werden (Stichwort: B2B-Erfahrungsaustausch). Die Wirtschaft verschenkt dabei die Möglichkeit in „unkritischen“ Bereichen voneinander zu lernen und sich stärker auf wertschöpfende und erfolgsentscheidende Bereiche konzentrieren zu können. Wichtig ist aber v.a., differenziert an Probleme heranzugehen und der Problemlösung eine sorgfältige Problemanalyse vorauszuschicken. Das Motto der Strategielehre „Slow down to speed up“ gilt also auch hier in höchstem Masse. Komplexe Probleme und Innovation verlangen auf jeden Fall andere, neue und zukunftsgerichtete Ansätze – Best Practice Lösungen können dabei der Anfang vom Ende sein.

Veröffentlicht am 23. Dezember 2015

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