BIG DATA in ERP-Systemen: Alle Macht den Daten?

BIG Data ERP-System

Im November 2015 eröffnete Amazon in Seattle seinen ersten physischen Buchladen. Die Ironie dieser Aktion ist nicht zu übersehen. Nachdem der grösste Warenhändler der Welt den Buchhändlern über 20 Jahre das Leben schwer gemacht hat, baut er seinen eigenen Laden. Amazon setzt in seinem Buchladen auf ein ihm bekanntes Pferd, das die anderen so nicht reiten: Big Data.

Die Nutzung von Eh-Da-Daten

Amazon nutzt die Daten, die aus den Verkäufen im Online-Geschäft vorliegen, um das Sortiment im Buchladen zusammenzustellen. Zum einen werden die Verkaufszahlen herangezogen. Ein Buch, das online häufig geordert wird, geht vermutlich auch gut über den Ladentisch. Aber man setzt auch auf weniger bekannte und seltener verkaufte Bücher, die von Leserinnen und Lesern sehr gute Bewertungen bekommen haben. Das Sortiment wird somit grossteils automatisch aufgrund von Daten zusammengestellt (eine Ausnahme bilden Titel, die von den Angestellten im Laden empfohlen werden).

Amazon nutzt die Buchempfehlungen auch, um die Titel den Kundinnen und Kunden schmackhaft zu machen. Wer auf Amazon ein Buch beurteilt darf hoffen, dass seine Empfehlung nicht nur online sondern auch in dem Buchladen in Seattle im Regal des favorisierten Titel prangt.

Amazon verfügt ohnehin über die genutzten Daten (Die Daten sind eh da ;-). Und im Webshop von Amazon werden sie schon lange genutzt. Die Nutzung im Buchladen ist daher aus Sicht von Amazon nur konsequent.

Man kann von dieser Entwicklung verschiedenes halten (Fragen stellen sich und sollten gestellt werden). Sie zeigen jedoch klar:

  • Big Data ist mehr als reine Auswertung (z. B. für Werbezwecke)
  • Es wird immer mehr konkrete Anwendungen für datenbasierte Entscheidungen geben (auch in der nicht virtuellen Welt)

Big Data für grosse Entscheidungen?

Laszlo Bock, seit 2006 bei Google und dort zuständig für Personal Operations, veröffentlichte 2015 sein Buch Work Rules (lesenswert). Darin zeigt er auf, wie Google auch intern Entscheidungen konsequent auf Basis von Daten fällt. Don’t Trust Your Gut. Es gibt zwei Möglichkeiten: entweder die Daten sind vorhanden (aus der Forschung, Studien, Umfragen, Auswertungen, Systemen) oder sie werden beschafft (z. B. durch Umfragen oder ein Experiment mit den Mitarbeitern).

Das wichtigste ist, dass die Daten aussagefähig sind. Dass auch datenbasierte Entscheidungen falsch sein können, macht Laszlo Bock in seinem Buch auch klar. Aber es geht nicht um Perfektion sondern um das Lernen, Verbesserung und Entwicklung. Im Vordergrund stehen nicht grosse Datenmengen. Der Begriff „Big Data“ ist irreführend. Nicht die Menge der Daten ist entscheidend, sondern der Nutzen und ihre Qualität.

Daten werden heute plakativ als „das neue Öl“ bezeichnet. Das soll zeigen, welch hoher Wert Daten zugesprochen wird. Was bedeutet das für Unternehmen und ihre ERP-Systeme?

Den Datentsunami nützlich machen

In ERP-Evaluationen wird heute fast reflexartig nach BI-Tools gefragt. Kunden wollen dabei sein bei Big Data und erhoffen sich Klarheit für Ihr Tagesgeschäft und die Unternehmensführung. Und ERP-Anbieter wollen Ihre BI-Tools verkaufen. Dagegen ist ansich nichts einzuwenden. Allerdings ist Datensammeln und -auswerten kein Selbstzweck.

„Ich halte die allgemeine Daten-Sammelei für dumm: Wer viel misst, misst Mist. Für das Marketing mag die Methode geeignet sein, für den Prozess der Wissensaneignung eher nicht. Denn man kann durch den Blick in den Rückspiegel nicht in die Zukunft schauen.“ Mihai Nadin, Philosoph und Informatiker im Interview mit brand eins

Unternehmen sammeln in Ihren Systemen automatisch Mengen von Daten: Adressdaten, Präsenzdaten, Auftragsdaten usw. Oft liefert die Produktion Informationen zum Produktionsverlauf an den Verkauf. Dieser benötigt die Daten um eine Nachkalkulation oder auch die Rechnung zu erstellen. Der Verkauf liefert Daten an die Finanzabteilung damit diese Auswertungen und Fore Casts erstellen kann usw. Nur selten gibt es dafür ein durchgehendes Konzept. Daten werden z. B. nur auftragsbezogen, nicht jedoch übergeordnet ausgewertet. Dadurch bleiben Informationen ungenutzt, wichtige Daten sind nicht verfügbar, es fehlt an der übergeordneten Sichtweise oder dem Verständnis, wozu die Daten benötigt werden.

Wir haben in einer Organisation mit Mitarbeitern gesprochen, die über Jahre Daten in Rapporte eingetragen haben obwohl sie nicht wussten, wozu dies gut ist und nie ein Feedback dazu bekommen haben. Es stellte sich heraus, dass der Verkauf die Daten zwar entgegennahm, jedoch nicht wusste, was er damit anfangen sollte. Er ging davon aus, dass die Produktion diese benötige. Es ist zu befürchten, dass die Dunkelziffer solcher Auswertungen, die irgendjemand ursprünglich einmal für sinnvoll erachtet hat, sehr hoch ist. Gleichzeitig gibt es zahllose Auswertungen die zwar sinnvoll wären, jedoch nicht erhoben werden können. Bevor Unternehmen in grossen Dimensionen wie Big Data denken, sollten das Bewusstsein darüber geschärft werden, was gut, notwendig und nützlich ist. Daraus ergeben sich Antworten auf viele Fragen wie die nach dem geeigneten BI-Tool und ob überhaupt eines benötigt wird.

Daten sind Macht. Und mit der Macht kommt die Verantwortung. Dies bezieht sich nicht nur auf das Recht der Nutzung (nicht alles was ausgewertet werden kann, darf auch ausgewertet werden). Es geht auch um die Frage, welche Daten werden erhoben, wie wird darüber informiert und wie wird Missbrauch verhindert. Ein gutes erstes Bewertungskriterium ist, ob die Datenverarbeitung für alle Beteiligten nützlich ist.

Veröffentlicht am 1. Februar 2016

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