ERP-Millenial: „brauche in 5 Tagen ein ERP-System“

Eine wirklich wahre Geschichte eines ERP-Millenial, geschehen am 10.03.2016. Ein Arbeitskollege von mir bekommt kurz nach dem Mittag ein Anruf mit einer für uns nicht ganz so gewohnten Anfrage. Nach einem kurzen Intro folgt die Zielsetzung, welche lautet: „am 15.03.2016 kaufen und führen wir ein neues ERP ein, können Sie uns dabei unterstützen?“. Kurzes nachdenken, rasches reagieren, kompetent wirken, eigene Erfahrungen abrufen, Anknüpfungspunkte suchen, … doch die Zeit läuft – es bleiben ja noch ganze 5 Tage, genau genommen 3 Arbeitstage.

Sieht so unsere ERP-Zukunft aus? Krempeln uns Millenials alles um? Um diesen Fragen nachzugehen, zuerst ein paar Ansätze zu diesen Millenials (ich erlaube mir in der Folge die eigene Wortkreation ERP-Millenials zu nutzen), oder wie sie auch genannt wird, die Generation Y. Auf der Jobbörse für Studenten, Absolventen und Young Professionals wird der Typus des ERP-Millenial wie folgt beschrieben:

Die wohl bis dato am besten erforschte Generation ist die der sogenannten Millenials. Die Generation Y, die derzeit auf den Arbeitsmarkt strömt und die ganz besondere Ansprüche an die Unternehmen stellt. So soll die Arbeit vor allem Sinn machen und Abwechslung bieten. Die Generation Y legt dabei sehr viel Wert auf Selbstverwirklichung, ist jedoch ebenso ein geübter Teamplayer, der sich nicht nur offline, sondern auch in der virtuellen Welt durch eine exzellente Vernetzung auszeichnet.

Das Internet und der Umgang damit gehören für die Generation Y zum Lebensalltag. Millenials sind die Meister der Projektarbeit und engagieren sich auch häufig über den Job hinaus in eigenen Projekten. Arbeit und Privatleben werden somit nicht mehr streng geteilt, sondern ergänzen sich und verschmelzen zunehmend. Dennoch legt die Generation Y viel Wert auf Freiraum für Privates. Aus dem Konzept der „Work-Life-Balance“ entwickelt sich laut der Deutschen Gesellschaft für Personalführung e.V. die „Work-Life-Blend“. Private Angelegenheiten sollten auch während der Arbeitszeit geregelt werden können, gleichzeitig ist man jedoch auch bereit, bei Bedarf in der Freizeit zu arbeiten.

Wie verändert sich der Entscheidungsprozess, wenn sich nun plötzlich ein ERP-Millenial um die Evaluation und die Einführung eines neuen ERP-Systems sorgt? Der Ablauf könnte in etwa gleich bleiben. Von der Idee, über die Marktanalyse, einer Evaluation und Beschaffung zur Einführung und zum Betrieb. Und was könnte ändern? Die eingangs erwähnte Story macht einen entscheidenden Aspekt sichtbar. Was bisher in der Regel so zwischen 3 und 6 Monate dauerte, soll nun plötzlich in 3 bis 5 Tagen stattfinden. Von wo nimmt sich ein ERP-Millenial dieses Selbstvertrauen, dass kein umfassendes Lastenheft, keine Prozessanalyse, keine ausführliche Offerte, keine Präsentation, keine Referenzen, keine Vertragsbereinigungen benötigt werden? Einen Ansatz habe ich. Ein ERP-Millenial ist mit „try and error“ gross geworden. Dieser Ansatz bestätigt sich in der Fortführung des eingangs angesprochenen Telefongesprächs. Bereits auf demselben Weg wurde ein CRM eingeführt. Da seien Funktionen drin, die sehr gut seien – jedoch auch solche die noch nie eingesetzt wurden. Und ja, sollte das ERP-System auch einige CRM-Funktionen enthalten, dann würde man dies auch gleich am 15.03.2016 anpassen. Also „try and error“ in Reinkultur.

Suchen Sie gerade Argumente, warum dieser ERP-Millenial Ansatz nicht funktionieren kann? So ist es mir auch gegangen. Wie auch mein Kollege in unserem Blog vor ziemlich genau einem Jahr bereits schrieb, die ERP-Evaluation ist kein Speed Dating.

Ein paar Recherchen zur anfragenden Unternehmung zeigen ein interessantes Bild. Und zwar auch ein Bild einer äusserst erfolgreichen Unternehmung. Von einem Jungunternehmer vor zwei Jahren gegründet, beschäftigt bereits über 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, erfüllt mit dem Geschäftsmodell Anforderungen, welche einen weiteren und starken Wachstum versprechen. Natürlich gibt es eine ganze Anzahl an Fragen, was ist wenn, …? Aufgrund dieser bis jetzt noch als Einzelfall zu bezeichnenden Anfrage, müssen wir ja auch nicht gleich alle Konzepte über den „Haufen“ werfen. Doch erlauben Sie uns ein paar Fragen festzuhalten:

  • wie verändert sich die Zusammenarbeit in ERP-Projekten – durch die für ERP-Millenials selbstverständlichen Aspekte – wie die der hohe Dynamik, dem Selbstbewusstsein und der Selbstorganisation?
  • wie gestalten neue Technologien das Business? (man beachte diese Frage ganz genau, ich frage nicht: wie sieht die Technik aus die das Business benötigt)
  • wie gehen wir mit dem konstanten Technologiewechsel um?
  • was geschieht mit „guten“ und jahrelang eingespielten Prozessen?
  • was bedeuten diese veränderten Sichten für die Anbieter, die Kunden und die Berater von ERP-Lösungen?

Die Suche nach Antworten zu diesen Fragen führt vielleicht mehr über das grundsätzliche Verständnis von Führung und Autorität und weniger über die Analyse einzelner ERP-Millenials.

Eine Studie von Oxford Economics sagt: Nur etwa 30 Prozent der im Zuge der Studie befragten Führungskräfte gaben an, dass ihr Unternehmen den Bedürfnissen und Wünschen von Millennials besondere Aufmerksamkeit widmet.

Doch ganz gleich, ob die Studie Recht hat und sich Millennials weniger als vielleicht gedacht von anderen Generationen unterscheiden: Unternehmen sollten erkennen, dass der Eintritt einer neuen Generation auf den Arbeitsmarkt mit unerwarteten Herausforderungen verbunden ist, und sich darauf vorbereiten, diese zu bewältigen.

Diese Anfrage eines ERP-Millenial hat bei mir einige Fragezeichen ausgelöst. Bei Ihnen auch? Wie schafft die ERP-Branche den Spagat zwischen den neuen Anforderungen / Methoden und den sich über Jahre weiterentwickelten und im Detail verbesserten Ansätzen? Ist hier Handlungsbedarf angezeigt? Lassen wir alles beim Bekannten und Bewährten? Bleibt dies ein Einzelfall?

Herbert von Karajan (österreichischer Dirigent) soll mal gesagt haben: „wer alle seine Ziele erreicht hat, hat sie sich als zu niedrig ausgewählt“. Ich bleibe dran!

Veröffentlicht am 17. März 2016
2 Kommentare
Christoph Schmid Antworten

Für gewisse Start-Ups/KMU kann es praktikabel sein, anstelle langer Evaluationsphasen mal ein Cloud-ERP-Abo abzuschliessen und gleich mal erste Tests mit eigenen Daten zu machen. Sie spielen einige Fälle durch und sehen dann, ob das ERP Ihre Ansprüche abdeckt. Wenn nicht, kann das Abo einfach gekündet werden. Ist sicher ein grosser Unterschied zu früher, als Lizenzkosten und HW einige 10k Fr. ausgemacht haben und ein Kauf einer neuer Business Software noch besser überlegt sein musste.
Sobald ein Unternehmen z.B. noch grössere Importe, viele Mitarbeiter schulen muss und die Prozesse komplexer sind, braucht es eine gute und längere Projektphase in welcher die Anforderungen mit den Funktionen der ERP-Software abgestimmt werden, das System optimal konfiguriert wird und so das maximum aus der Software heraus geholt werden kann.
Wenn man als ERP-Anbieter die Software aus der Public-Cloud anbieten kann, kann man die ERP-Millenials bedienen(Datenbank in 5 Min. verfügbar) und aber auch den anderen KMU’s mit Projektleiter und Einführungsbetreuung/Schulung einen guten Start in eine neue ERP-Software bieten.

Daniel Frei

Sehr geehrter Herr Schmid
Danke für Ihren Kommentar. Haben Sie eventuell sogar ein Praxis-/Erfahrungsbericht welchen Sie zum diesem Thema teilen können / möchten?
Freundliche Grüsse
Daniel Frei

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