ERP-Systeme im internationalen Einsatz

ERP-Systeme international

Andere Länder, andere Sitten – auch für ERP-Systeme

Viele Firmen in der Schweiz agieren im internationalen Umfeld. Sei es, weil sie ins Ausland exportieren oder weil sie Partner, Lieferanten oder eigene Standorte im Ausland haben. Das hat auch Auswirkungen auf die eingesetzten ERP-Systeme (und damit natürlich auf die ERP-Evaluation). Sie müssen die lokalen Anforderungen erfüllen. Hintergrund können gesetzliche Vorschriften, Normen oder schlicht der übliche Umgang sein.

In diesen Bereich gehört alles was mit Lohn- und Gehaltsabrechnungen zu tun hat. Diese Teile der ERP-Systeme werden häufig von lokalen Partnern entwickelt und gewartet. Die lokalen ERP-Partner können schnell auf gesetzliche Änderungen reagieren. Zudem gibt es hier verhältnismässig wenige Schnittstellen zu anderen Bereichen der ERP-Systeme.

Hier einige Highlights für spezifische Anforderungen aus anderen Ländern:

  • China: die Golden-Tax: Das wohl bekannteste Beispiel für lokale Vorschriften. Die chinesischen Behörden schreiben vor, wie eine Rechnung auszusehen hat. Dies gilt sowohl für Rechnungen auf Papier wie auch in elektronischer Form. Es ist nicht möglich eigene Rechnungsformulare zu verwenden. Die eingesetzten ERP-Systeme müssen das vorgeschriebene Formular verwenden können.
  • Italien: Hier müssen Rechnungen streng chronologisch aufsteigend nummeriert werden. Es ist nicht erlaubt, für eine jüngere Rechnung eine tiefere Rechnungsnummer zu verwenden. Des Weiteren wird in bestimmten Fällen eine sog. Bollo-Gebühr fällig. Sie ist abhängig von Höhe und Art des verrechneten Betrags. Die Bollo-Gebühr wird niemals storniert.
  • Brasilien: Diese Land verfügt über eines der kompliziertesten Steuersysteme der Welt (und das will etwas heissen). So gibt es beispielsweise bundesstaatliche und einzelstaatliche Umsatzsteuern. Darüber hinaus erheben die Gemeinden eine Dienstleistungssteuer. Der Steuersatz ist abhängig von der Gemeinde. Hinzukommen zwei umsatzabhängige Sozialabgaben, die Sozialintegrationsabgabe und Sozialfinanzierungsabgabe. Und das ist erst der Anfang.

Die Zahl der Spezialitäten im Bereich Steuer und Fakturierung liesse sich noch weiter ausdehnen. Hier jedoch noch zwei Besonderheiten aus anderen Bereichen:

  • Mitgliedsstaaten der EU: in der EU wird eine innergemeinschaftliche Handelsstatik geführt (Intrastat). So müssen beispielweise Unternehmen in Deutschland Versände und Wareneingänge zentral melden.
  • In den USA beginnt die Woche am Sonntag und nicht am Montag (das Wort „Wochenende“ ist daher etwas verwirrend). An sich wäre das noch keine grosse Herausforderung. Allerdings wirft dies die Nummerierung der Kalenderwochen durcheinander. ERP-Systeme die Planungsmodule (PPS-Module) einsetzen, müssen dies u. U. berücksichtigen.

Bei der EPR-Evaluation ist es zum einen wichtig, die Anforderungen in den Ländern zu kennen und zu prüfen, ob die bevorzugte ERP-Software diese erfüllen kann. Darüber hinaus sollte auch der ERP-Anbieter über entsprechendes Knowhow verfügen. Das muss nicht zwingend in der eigenen Firma sein. Viele Anbieter arbeiten sehr erfolgreich mit lokalen Partnern zusammen. Mit internationalen Projekten erfahrene ERP-Anbieter verfügen bereits über ein Konzept für den Rollout ihres Systems an verschiedenen Standorten.

ERP-Systeme und die Besonderheiten in der Schweiz

Die Schweiz scheint auf den ersten Blick diesbezüglich unkompliziert. Warum also nicht ERP-Systeme aus dem Ausland in der Evaluation berücksichtigen? Der Eindruck täuscht. Auch wir haben unsere Besonderheiten und zwar nicht gerade wenige. Das Auf-5-Rappen-Runden ist eine davon. In anderen Ländern ist dies nicht üblich. Zwar kann man auch hierzulande auf den Rappen genau rechnen, man stösst damit jedoch immer wieder auf Unverständnis. Zudem ist dies in vielen IT-Systemen nicht vorgesehen und das Handbuch für den Einzahlungsschein mit Referenznummer (ESR) enthält die Rundung als zwingende Vorgabe. Ausländische ERP-Anbieter tun sich mit dieser Regel häufig schwer. Der Aufwand für Anpassungen hierfür (Buchungen und Dokumente der ERP-Systeme) sind mit hohem Aufwand verbunden.

Der ESR ist eine Spezialität für ERP-Systeme in der SchweizEine weitere Spezialität bei uns ist der angesprochene ESR. Zwar gibt es im Ausland vergleichbare Zahlscheine. Trotzdem kann man nicht davon ausgehen, dass ausländische Anbieter mit den Vorgaben ohne Weiteres zurechtkommen. Die Anforderung muss in der ERP-Evaluation unbedingt berücksichtigt werden.

Die Mehrwertsteuer ist, wie in fast jedem Land, auch bei uns besonders. Wir kennen derzeit zwar nur drei Prozentsätze. ERP-Systeme müssen aber mehr Steuersätze verwalten können (z. B. Steuerfrei für Ausfuhren). Des Weiteren gilt es zu berücksichtigen, dass sich die Gesetzeslage hier ändern kann. Schweizer Anbieter für ERP-Systeme sind hier schnell in der Umsetzung. In wie weit das bei ausländischen Anbietern der Fall ist, hängt vermutlich von der Kundenorientierung im hiesigen Markt ab.

Als weitere Beispiele für Besonderheiten, die für ERP-Systeme in der Schweiz wichtig sind, bleiben noch zu erwähnen die Sprache an sich (z. B. „Offerte“ statt „Angebot“, „Report“ statt „Auswertung“), die Mehrsprachigkeit (nicht nur bei Masken sondern auch bei Stamm- und Bewegungsdaten) sowie bei Kunden (Kunde spricht Deutsch benötigt die Rechnung jedoch auf Französisch) und das Zollwesen. Darüber hinaus gibt es viele funktionale Bereiche die bei uns als selbstverständlich vorausgesetzt werden, in anderen Ländern jedoch nicht zwingend vorhanden sind (z. B. die Deckungsbeitragsrechnung).

ERP-Systeme aus dem Ausland haben durchaus auch bei uns einige Hürden zu nehmen. Gut bearten ist, wer einen erfahrenen ERP-Anbieter wählt, der zumindest eine Niederlassung in der Schweiz hat (hier finden Sie eine  Liste der ERP-Anbieter in der Schweiz). Er kennt nicht nur die Vorschriften aus eigener Erfahrung sondern auch die hiesigen Gepflogenheiten. Und das ist schliesslich nicht nur beim Thema „ERP-Systeme“ relevant.

Veröffentlicht am 9. Dezember 2013

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