ERP-Systeme für die Prozessfertigung (2/6)

ERP für die Prozessfertigung

Produktionsunternehmen lassen sich grob unterteilen in Einzelfertigung, Variantenfertigung, Kleinserien- und Serienfertigung sowie Projektfertigung. Eine andere Art der Unterscheidung ist die zwischen der Fertigung von Stückgütern, Fliessgütern (Verfahrenstechnik/Prozessfertigung) und der Energietechnik. Hinzukommen die Branche (Automotive, Nahrung- und Genussmittel, Medizinaltechnik uvm.), die Produkteigenschaften (Material, Grösse, Form, Prozess), die Markt (B2B und/oder B2C). Nahezu alle möglichen Kombinationen dieser Merkmale sind in der Schweizer Unternehmenslandschaft vertreten. Das erklärt warum man Fertigungsunternehmen nicht in einen Topf werfen kann, wenn es darum geht, das passende ERP-System zu finden.

Ich möchte Ihnen das heute anhand der spezifischen Anforderungen für Prozessfertiger zeigen:

Anforderungen an ERP-Systeme für die Prozessfertigung

Prozessferitgung

Die Prozessfertigung ist gekennzeichnet durch die Verarbeitung von nicht zählbaren Rohstoffen wie Flüssigkeiten, Gasen, Granulaten oder Gemischen. Allein aus dieser Tatsache ergeben sich bereits konkrete Anforderungen an ein ERP-System für die Prozessfertigung:

  • Umgang mit Einheiten: Die Einheiten von Rohstoffen und Produkten müssen in verschiedenen Einheiten verwaltet, die Einheiten im Prozess ineinander umgerechnet werden können
  • Chargenverwaltung: Das ERP-System muss in der Lage sein, die Lieferanten- und Produktionschargen zu verwalten, zu dokumentieren und zurückzuverfolgen
  • Arbeitspläne: Das ERP-System muss zu den herzustellenden Artikeln Arbeitspläne verwalten können

Die bis hier genannten Anforderungen gibt es in ähnlicher Form auch bei anderen Produktionsunternehmen. Aber Prozessfertiger haben Anforderungen die weit spezifischer ausfallen können:

  • Rezepturverwaltung: Verwaltung von Rezepturen für die Herstellung der Produkte
  • Mindesthaltbarkeitsdatum: Erfassung und Verwaltung von Mindesthaltbarkeiten in Kombination mit Chargen und Gebinden
  • Gebindeverwaltung: Verwaltung der Gebinde für Roh- und Hilfsstoffe, Teil- und Fertigprodukte sowie Leergut
  • Lade- und Tourenplanung: Planung der Auslieferung von Fertigprodukten von der Beladung bis zur Registrierung beim Kuden
  • Qualitätsprüfung: Meist muss sowohl angelieferte als auch retournierte Ware muss geprüft werden können

Rezepturen und ihre Verwaltung entsprechen im Grundsatz dem Umfang mit Stücklisten eines Konstruktions- oder Montageunternehmens. In der Praxis werden die Anforderungen in ERP-System über diese Funktion umgesetzt. In vielen Fällen gibt es jedoch spezifische Anforderungen, die über die einer klassischen Stückliste hinausgehen. Dazu gehören beispielweise der Umgang mit Ersatzprodukten, Mischverhältnissen, Mindest- und Maximalmengen, Tolleranzen u. ä.

Gesetzliche und branchenspezifische Vorgaben als Anforderungen an ERP-Systeme

Die Branchen, in denen die Prozessfertigung am häufigsten vertreten ist, sind neben dem Bankenwesen vermutlich die am stärksten regulierten. Sowohl die Chemie- und Pharma-Industrie als auch Nahrungs- und Genussmittel müssen umfangreiche gesetzliche und branchenspezifische Vorgaben eingehalten werden. Teilweise ändern sich diese zudem häufig.

  • GHS: Gefahrstoffverwaltung mit Sicherheitsdatenblatt
  • Chemikaliengesetz, Lebensmittelgesetzt
  • GxP-Guidelines, Betriebshygiene u. a.

Spezialisierte Subsysteme

Oft werden für die Erfüllung spezifischer Anforderungen in der Prozessfertigung spezialisierte Systeme eingesetzt, die im Kombination mit dem ERP-System funktionieren. Die wichtigsten Vertreter sind hier:

  • Labor-Informationssystem
  • Meschienensteuerungen
  • Tourenplanungssysteme
  • Gefahrstoffverwaltungen

Der Nachteil spezialisierter Systeme ist die zunehmende Heterogenität der Systemlandschaft. Wartung und Entwicklung der Systeme werden komlizierter und aufwendiger. Daher sollt versucht werden, einen möglichst grossen Teil der Anforderungen über das ERP-System abzudecken und Spezialsystem nur dort einzusetzen, wo es unbedingt notwendig ist.

Unterschiede zu anderen Produktionsverfahren

Das ganze ist lediglich eine grobe Übersicht. Weitere Details ergeben sich beispielsweise aus dem Produktionsprozess (kontinuierliche oder diskontinuierliche Fertigung) oder dem zu fertigenden Produkt. Hier gibt es unerwartete Kombinationen. Auch an Schmieröle können Anforderungen aus der Nahrungsmittelindustrie gestellt werden beispielsweise wenn sie in Maschinen zur Nahrungsmittelproduktion zum Einsatz kommen.

Umgekehrt fehlen in der Prozessfertigung häufig typische Elemente eines Fertigungsunternehmens. Viele Prozessfertiger verfügen über keine klassische Plantafel. Die Produktionsprozsses sind häufig nicht exakt planbar da abhängig von Rohstoff, Produktionsumgebung, Mengen, Vorprodukten u. a.

Das Beispiel zeigt, wie wichtig eine breites und tiefes Verständnis eines Unternehmens und dessen Anforderungen für die erfolgreiche Implementierung eines ERP-Systems ist. Auch im laufenden Betrieb einer ERP-Lösung kann diese an neue Anforderungen angepasst werden. Den grössten Hebel haben Sie jedoch bei der Definition der Anforderungen bei der Wahl eines ERP-Systems. Nutzen Sie ihn.

Veröffentlicht am 24. September 2015

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