ERP-Zufriedenheitsanalysen unter der Lupe

ERP-Zufriedenheitsanalysen unter der Lupe

Jedes Jahr werden von verschiedenen Beratungs- und Analystenhäusern sog. ERP-Zufriedenheitsanalysen veröffentlicht. Je nach Art der Umfrage, wird die Zufriedenheit der Kunden mit den eingesetzten ERP-Systemen, den ERP-Anbietern sowie verschiedenen, Themen wie Mobility, „Cloudfähigkeit“, Business Intelligence oder BigData ausgewertet. In den Medien wird gerne über die ERP-Zufriedenheitsanalysen berichtet. Die ERP-Anbieter freuen sich bei geeigneter Platzierung über die Gratiswerbung und zitieren die Untersuchungen gerne. Computerworld.ch widmete der ERP-Zufriedenheitsanalyse von Trovarit gleich einen fünfseitigen Beitrag. Inide-IT bevorzugt die Zufriedenheitsanalyse aus dem Hause i2s. Der Nutzen für die Berichterstatter, die Beratungshäuser und die ERP-Anbieter ist offensichtlich. Aber was bringen die ERP-Zufriedenheitsanalysen den Kunden?

3 grundsätzliche Überlegungen zu ERP-Zufriedenheitsanalysen

1. Welche ERP-Systeme können verglichen werden?

Ein Vergleich von ERP-Systemen ist sinnvoll, wenn eine ausreichende, sprich repräsentative Anzahl von Antworten vorliegt. Bei Trovarit werden für die Schweiz 28 Systeme beurteilt. Einige davon sind am Markt praktisch nicht etabliert. Andere sind weit verbreitet. Gleichzeitig fehlen ERP-Systeme die in der Schweiz einen hohe Marktdurchdringung haben (bitte vergleichen Sie hierzu die Liste der ERP-Anbieter in der Schweiz). Warum dazu keine Ergebnisse vorliegen, bleibt unklar. Die beurteilten Systeme spiegeln die ERP-Systemlandschaft der Schweiz nicht wieder.

Unterschieden wird dagegen zwischen globalen und nicht globalen ERP-Anbietern. Das Attribut „global“ baumelt allerdings etwas im Leeren. Es wird nicht ersichtlich ob es sich auf die Vertriebs- und Supportorganisation, die Verbreitung des Systems oder die Verfügbarkeit von sog. Local Packages bezieht.

2. Wie repräsentativ sind die befragten Unternehmen?

Bei Trovarit werden Unternehmen in Deutschland, Österreich und der Schweiz befragt. Die Ergebnisse der Schweiz werden separat ausgewiesen. In der aktuellen Analyse lieferten 301 Unternehmen Antworten zu 28 Systemen. Ein System wurde somit durchschnittlich etwas über sieben mal bewertet. i2S weist die Ergebnisse der Schweiz gar nicht mehr separat aus und kommt so mit 1107 Bewertungen und 25 bewerteten ERP-Systemen im deutschsprachigen Raum auf eine Quote von 44 Bewertungen pro System.

Unterschieden wird zwischen verschiedenen Unternehmensgrössen. Die Unterteilung der Unternehmensgrössen in der Schweiz ist hier übrigens gleich gewählt wie in Deutschland. Sie bezieht sich auf die Mitarbeiterzahl, nicht die Anzahl der ERP-Anwenderinnen und Anwender: <100 MA: Klein, 100-499 MA: mittel, ab 500 MA: gross. Der Tatsache, dass sich die Verteilung der Unternehmensgrössen in Deutschland und er Schweiz tatsächlich stark unterscheiden, wird hier nicht berücksichtigt. Es wird nicht ersichtlich, wie sich die Unternehmensgrössen auf die präsentierten Systeme verteilen. Auch, dass ein Fertigungsunternehmen mit 100 Mitarbeitenden u. U. deutlich weniger Anwender hat als ein Dienstleister, bleibt unberücksichtigt.

3. Wie wurde bei den ERP-Zufriedenheitsanalysen vorgegangen?

Für die ERP-Zufriedenheitsanalysen werden ERP-Kunden befragt. Soweit alles klar. Es stellt sich jedoch die Frage, wie diese Kunden ausgesucht, kontaktiert und befragt werden (direkt oder vielleicht über den ERP-Anbieter?). Welche Personen die Antworten geben (Funktion im Unternehmen, Funktion im ERP-Evaluations- und -Einführungsprojekt), ob es eine starke Deckung mit der Befragung aus dem letzten Jahr gibt, neue Kunden hinzukamen oder die Auswahl zufällig getroffen wurde. Wurde bei der Befragung zwischen Fachanwender und Betreibern unterschieden oder hat vielleicht der Produktionsplaner die sog. „Cloudfähigkeit“ der ERP-Lösung beurteilt? Alles Themen die durchaus Einfluss auf die Ergebnisse haben, jedoch nicht ausreichend dokumentiert werden.

Fazit: Was kann man aus einer ERP-Zufriedenheitsanalyse für das eigene ERP-Projekt schliessen?

Bei den etablierten ERP-Zufriedenheitsanalysen wird mal alles in einen grossen Topf geworfen: die spezialisierte ERP-Lösung für Feinmechniker mit einem Dutzend Kunden in der Schweiz wird in Relation gesetzt mit den grossen Generalisten auf dem ERP-Markt. Die Zufriedenheit vom Handelsriesen in Deutschland wird verglichen mit dem Dienstleistungsspezialisten in der Schweiz. Vermutlich werden auch ERP-Anbieter für die drei Antworten vorliegen verglichen mit solchen, die 70 Bewertungen erhalten haben.

Hinzukommen Schlagworte aus dem ERP-Umfeld die nicht genau spezifiziert sind (z. B. „Cloudfähig“), darum unterschiedlich interpretiert werden und daher kaum geeignet für konkrete Aussagen sind. Kurz: alles etwas schwammig. Die ERP-Zufriedenheitsanalysen sind Momentaufnahmen, ohne überraschend neue Erkenntnisse, die höchstens eine grobe Orientierung zulassen und Risiken für Fehlschlüsse bergen. Wer sich wirklich einen Überblick verschaffen will kommt um konkrete Recherche und Vergleiche nicht herum.

In unseren Evaluation erhalten wir von fast jedem zweiten ERP-Anbieter Offerten mit einem Auszug aus einer der ERP-Zufriedenheitsanalysen. Das ist absolut in Ordnung. Werbung ist ja erlaubt. Aber eben: es ist Werbung 😉

Veröffentlicht am 8. Oktober 2014
1 Kommentar
Daniel Frei

Kollege Reto analysiert die ERP-Zufriedenheitsanalysen. Es lohnt sich die Auswertungen mit Vorsicht zu geniessen.

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