Industrie 4.0 – Zeichen der Zeit erkannt?

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Die Wirtschaft befindet sich in einer historischen Phase. Der Wandel geschieht nicht nur schneller, sondern geht oft abrupt in eine andere Richtung, schafft festgefahrene Paradigmen ab und bringt komplett neue Geschäftsmodelle hervor. Die Chancen sind enorm, gleichermaßen aber auch die Unsicherheit. Der Begriff des „Quasi-Chaotischen“-Systems taucht immer wieder auf und fordert Wirtschaftsvertreter, wie Politik und Wissenschaft, sich intensiv und permanent mit den Geschehnissen rund um das Thema Industrie 4.0 auseinanderzusetzen. Wer die Zeichen nicht erkennt und die daraus hervorgehenden strategischen Optionen nicht rechtzeitig packt, dem geht es wie damals den Herstellern von Schreibmaschine und Diskette – nur bedeutend radikaler und schneller. Das Problem: Die Entscheidungsträger haben oftmals zu viel Humankapital in den alten Ideen gebunden und sind zu unbeweglich, um die Erneuerung zeitgerecht einzuleiten. In der Zwischenzeit formieren sich gut vernetzte, flexible und motivierte Start-Ups mit Venture-Kapitalgebern und machen sich bereit, den Markt zu erobern. Die Frage ist, wo stehen Sie und Ihre Wettbewerber? Wer sind überhaupt Ihre Wettbewerber?

Industrie 4.0 – Welche Branche trifft es am stärksten?

Man kann momentan hinschauen, wo man will, es zeichnen sich Veränderungen in jeder Industrie ab. Während sich viele Unternehmen noch mit der Digitalisierung von Prozessen aufhalten, arbeiten andere bereits mit Hochdruck an der Digitalisierung von Produkten und Dienstleistungen. Oft geht es darum, die neuen technischen Möglichkeiten zu nutzen, ohne gänzlich auf der grünen Wiese zu beginnen.

Die wahre Entdeckungsreise besteht nicht darin, dass man nach neuen Landschaften sucht. Sondern dass man mit neuen Augen sieht.  – Marcel Proust – 

Gemäß einer Studie von Deloitte sind die einzelnen Branchen unterschiedlich kurzfristig und stark betroffen:

Digitalisierung

Was die Musik-, Film- und Medienlandschaft bereits lange eingeholt hat, dürfte in Bau, Chemie und Gesundheitswesen noch etwas dauern. Traditionsunternehmen und Marktführer kommen zunehmends unter Druck – wer den Wandel erfolgreich meistert, wird sich zeigen. Ein schönes Beispiel dafür sind die aktuellen Entwicklungen in der Automobilindustrie. Auf einmal tauchen dort Wettbewerber wie Google und Apple auf, was vor kurzem noch undenkbar war. Oftmals werden diese und andere Entwicklungen auch schlicht ignoriert und belächelt. Die strategischen Versäumnisse versucht man hinterher oft juristisch wett zu machen – ein teurer und wenig aussichtsreicher Ansatz (die Anwälte freut’s!), denn der eigentliche Kampf ist in dieser Phase oft bereits verloren. Wie viel im Einzelfall von Technologie-Push oder von Markt-Pull getrieben wird, ist unterschiedlich. Die neuen Möglichkeiten der Informations- und Kommunikationstechnologie und insbesondere der Datenverarbeitungskapazitäten moderner Rechner sind auf jeden Fall in der Lage, alteingesessene Wirtschaftszweige komplett zu revolutionieren und neue Nachfragemärkte zu schaffen. Die Zukunft gehört denjenigen, welche bereit sind loszulassen und die eigenen Stärken geschickt mit externen Partnern oder Netzwerken ergänzen. Dies verschafft Kompetenz, Agilität und Zeitgewinn, ohne angesichts der ungewissen Entwicklung unnötig hohe Investitionsrisiken eingehen zu müssen.

Man muss etwas vom Wesen der Bewegung verstehen, um einen Sinn für die Zukunft zu erlangen. – Aristoteles

Industrie 4.0 – Wie stellt sich das B2B-Geschäft darauf ein?

Ein interessanter Blickwinkel stellt sich von Anbieterseite im B2B-Geschäft. Die Lieferketten sind heute so eng verflochten, dass mit dem B2C-Lieferanten tendentiell auch zahlreiche kleinere- und mittlere Zulieferer untergehen könnten. Wer sich frühzeitig diversifiziert und den (künftigen) Markt der bestehenden oder potentiell neuen Kunden richtig einschätzt, kann seine Marktstellung unter Umständen bereits kurzfristig enorm ausbauen. In der traditionellen Kette kommt es zwangsweise zu einer Konsolidierung, nicht nur im wertschöpfenden Sektor, sondern auch im „Enabler“-Markt für IT-Infrastruktur und -Applikationen. Wie sich beispielsweise die Anbieter von ERP-Systemen auf die künftigen Anforderungen an moderne Unternehmen einstellen ist ganz unterschiedlich und kam ansatzweise an der diesjährigen Fachmesse für Business Software „TopSoft“ hervor. Vergleicht man die Veranstaltung mit der gleichzeitig durchgeführten Fachmesse „Suisse-EMEX“, die sich höchst frisch, pulsierend, innovativ und auf den Kunden ausgerichtet präsentierte, so bleibt die Frage, ob klassische ERP-Anbieter bereits ihr Rezept gefunden haben. – Brennende Themen wie Mobile-ERP, Digitale Fabrik, SaaS (Software-as-a-Service), Cloud Computing, IoT (Internet-of-Things), usw. wurden in Kurzreferaten zwar thematisiert, waren auf dem restlichen Messegelände jedoch kaum präsent und nur auf Anfrage im bilateralen Gespräch adressiert. Dem aufmerksamen Besucher stellt sich angesichts des eher „verstaubten“ Events dabei die Frage, ob der Riese „ERP-Markt“ überhaupt nahe genug beim Kunden ist, um die branchen- und unternehmensspezifischen Anforderungen zu kennen oder ob lediglich alter Wein in neuen Schläuchen ausgeschenkt wird.

  • Treffen teure, rigide Lizenzmodelle noch den Nerv der Zeit, wo Flexibilität, Skalierbarkeit, Kollaboration und Kosteneffizienz Match-entscheidend sind?
  • Ist es zielführend, die Entwicklungsressourcen mit benutzerspezifisch adaptiven Oberflächenmasken zu binden, die bei sich stetig ändernden Bedürfnissen zwar Effizienz und Motivation der Benutzer kurzfristig steigern, jedoch auch die Kosten eines Releasewechsels erhöhen?
  • Sind dies die aktuell benötigten „grossen Würfe“ oder flüchtet man sich angesichts der Unsicherheit rund um Industrie 4.0 in die weit verbreitete Optimierung im Kleinen, um zumindest dort der Konkurrenz nicht den Vortritt überlassen zu müssen?

Problematisch ist v.a. dass die meisten ERP-Lösungen immer noch stark funktions- statt prozessorientiert aufgestellt sind. Die gute Nachricht trotz allem ist: Industrie 4.0, zumindest was nach heutigem Verständnis darunter fällt, lässt sich mit modernen ERP-Lösungen systemisch realisieren, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind. Es geht dabei primär um die intelligente Vernetzung von der Produktentwicklung über die Produktion und Logistik bis hin zum Produkteinsatz einschließlich zugehöriger Services und späterem Recycling. Dies alles in Echtzeit verbunden mit dem Management und koordiniert mit Kundenwünschen, Marktbedingungen, sowie Partner- und Geschäftsmodellen. Kurz: Alles muss mit allem digital vernetzt sein. Die „ernüchternde“ Nachricht: Valable ausgereifte und durchgänge Alternativen zur modernen ERP-Systemen gibt es dabei heute noch nicht, allerdings wird sich die rasante Entwicklung auch dort in absehbarer Zeit deutlich manifestieren. Umso wichtiger ist es, die aus strategischer Sicht beste und zukunftsweisendste Lösung für das eigene Unternehmen zu finden, um sich keine Option unnötig zu verbauen und wettbewerbsfähig zu bleiben.

Industrie 4.0 – Wie man im Markt bestehen kann

Die Märkte unterliegen heute einer kontinuierlichen Veränderung. Agilität gehört daher zu den wichtigsten Fähigkeiten eines erfolgreichen Unternehmens. Um weiterhin auf dem Markt bestehen zu können, reicht es nicht, sich mit Industrie 4.0 auseinandersetzen. Es gilt, aus den alten Strukturen und Denkweisen herausbrechen und sich stets folgende Fragen vor Augen zu führen:

  • Wie stellen wir den Kunden in den Mittelpunkt bzw. was bedeutet echte Kundenorientierung wirklich? Wie präsentiert sich die Marke gegenüber den Kundenwünschen?
  • Verstehen wir die künftigen Anforderungen unserer Kunden und deren Branche bzw. sind wir diesbezüglich der Konkurrenz einen Schritt voraus?
  • Schaffen wir es, uns sichtbar zu differenzieren?
  • Haben wir die richtigen Mitarbeiter? Verbinden diese Kompetenz, Neugierde und Leidenschaft in einer innovativen Art und Weise?
  • Haben wir die nötige „Unternehmenskultur der Veränderung“ etabliert oder verfallen wir immer wieder in die gleichen Muster?
  • Führen wir regelmäßig einen interdisziplinären Austausch auf Augenhöhe (!) mit internen und externen Partnern bzw. Entscheidungsträger und Influencer
  • Sind wir genügend stark vernetzt und haben Zugang zu neusten Erkenntnissen und erfolgsversprechenden Trends? Lernen wir bereits im Netzwerk? Schaffen wir dabei den Spagat zwischen Datenschutz und Kooperation?
  • Ist das Thema Nachhaltigkeit genügend stark verankert und präsent?

Kurz: Sind die eigenen Führungs- und Organisationsstrukturen, sowie das bestehende Netzwerk so agil, wie es die Anforderungen rund um Industrie 4.0 erfordern? Unternehmen sind gut daran bedient, sich laufend zu hinterfragen. Dazu braucht es die richtigen Leute, die richtige Kultur und die richtigen Anreize. Neuen und mutigen Konzepten ist der nötige Freiraum zu gewähren und einer „Betriebsblindheit“ aktiv vorzubeugen. Wer dies konsequent tut und nach außen trägt, hilft nicht nur dem Fortbestehen des eigenen Unternehmens, sondern auch dem Standort Schweiz, der sich schon immer in vorbildlicher Art und Weise auf die Zeichen der Zeit eingestellt hat.

Blog-Empfehlung zum Thema: „Lost in Transformation“

 

 

Veröffentlicht am 7. September 2015

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