Innovatives Anforderungsmanagement

innovatives anforderungsmanagement

Ist innovatives Anforderungsmanagement (Requirements Engineering) überhaupt möglich, ist dies nicht ein Widerspruch in zwei Wörtern? Requirements Engineering wird als Basis jedes ERP-Projekts zur Entwicklung des ERP-Systems betrachtet. Requirements Engineering soll Unternehmen vor ERP-Fehlinvestitionen oder gar völligem Scheitern eines ERP-Projekts bewahren. Das Ziel ist ein funktionierendes, wirtschaftliches und anwenderfreundliches ERP-System. Ergänzend und fast selbst-sprechend ist das festgesetzte Budget nicht zu überschreiten. All dies wird durch ein sorgfältiges und fachkundiges Requirements Engineering sichergestellt. Soweit zum Geleitwort des International Software Quality Institute (iSQI) im Basiswissen Requirements Engineering für die Aus- und Weiterbildung nach dem IREB-Standard.

Doch sind nicht gerade dies die Feinde der Innovation, ist mit diesen Voraussetzungen ein innovatives Anforderungsmanagement im ERP-Umfeld sinnvoll, zweckmässig, erwünscht oder gar unmöglich?

Unterschiedliche Zielsetzungen – <<Fehler vermeiden>> versus <<Fehlerkultur>>

Die Bedeutung des Requirements Engineering für erfolgreiche ERP-Systementwicklungen ist hoch und in der Praxis mit den entsprechenden personellen, finanziellen und materiellen Aufwendungen berücksichtigt. In der Praxis spricht man von typischen Symptomen eines mangelhaften Requirements Engineering:

  • Fehlende Anforderungen
  • Unklare Anforderungen
  • Falsche Anforderungen
  • Implizite Anforderungen
  • Widersprüchliche Anforderungen
  • Schleichend sich verändernde Anforderungen

Studien zeigen, das mittels Requirements Engineering die Fehlerkosten frühzeitig reduziert werden können. Ein erst bei der ERP-Programmierung entdeckter Fehler (als wenn er frühzeitiger durch das Requirements Engineering erkannt worden wäre) kann den Aufwand zur Behebung um den Faktor 20 erhöhen. Requirements Engineering bedeutet also auch Fehler reduzieren.

Nun braucht Innovation bekannterweise einiges an Kreativität und Handlungsspielraum. Jedoch versuchen wir in unserer Arbeitswelt – im Requirements Engineering im speziellen – Fehler zu vermeiden. Fehler vermeiden führt oft zu neuen oder angepassten Checklisten, Prozessoptimierungen, Weisungen oder zusätzlichen Kontrollinstanzen.

„Unternehmen müssen allerdings nicht immer gleich fixe Checklisten zum Einsatz bringen. Vielfach reichen auch einfache Massnahmen, um mit Fehlern sachgerecht umzugehen. Ein anschauliches Beispiel im Dienstleistungsbereich bietet das Zürcher Luxushotel Baur au Lac, das Fehler nur schon wegen seines hohen Qualitätsverständnisses professionell handhaben muss. Hoteldirektor Wilhelm Luxem erklärt, jeder Fehler habe für sein 250 Mitarbeiter zählendes Haus zwei Dimensionen – eine zum Gast hin und eine interne.“ [Quellennachweis, 09.11.2015]

Und genau da sollte man den Faden aufnehmen. Das Stichwort lautet: (mindestens) zwei Dimensionen.

Wenn wir das Anforderungsmanagement in ein innovatives Anforderungsmanagement überführen wollen, dann müssen zwingend (mindestens) zwei Dimensionen berücksichtigt werden. Von entscheidender Bedeutung ist dabei die Sicht von Aussen, also diejenige der Kunden. Und hier sei die Frage erlaubt, wie viele Requirements Engineers konsequent diese Dimension der Kundensicht in die Anforderungsermittlung integrieren. Die Innensicht alleine trägt erfahrungsgemäss wenig an ein innovatives Anforderungsmanagement bei.

Hinweis; In diesem Blog konzentriere ich mich auf die zwei Dimensionen Kunde und interne Organisation. Zu den Möglichkeiten der Innovationen seitens ERP-Anbieter (als weitere Dimension) finden Sie hier einige Inputs.

Somit sind wir erst einmal gezwungen, uns diesem Zustand bewusst zu werden. Nur so können wir weiter über ein innovatives Anforderungsmanagement denken und sprechen.

Um noch auf das Beitragsbild einzugehen, ein paar eindrückliche Beispiele der fokussierten Innensicht:

  • die Hersteller von Fotokameras haben sehr grosse Entwicklungen vollbracht, jedoch ist es noch immer eine Fotokamera. Der Kunde wünscht sich heute jedoch ein einziges Endgerät, ein Interface und alle Funktionen sollen integriert sein.
  • die Buch-Industrie stellt inzwischen eine riesige Palette an digitalen Lesemöglichkeiten zur Verfügung, jedoch ist es immer noch ein Buch mit Text zum lesen. Der Kunde wünscht sich heute jedoch ein einziges Endgerät, ein Interface und alle Funktionen sollen integriert sein.
  • die Musikindustrie produziert Anlagen mit immer besserer Qualität, mehr Speicherkapazität, immer kleiner in Form und Art. Der Kunde wünscht sich heute jedoch ein einziges Endgerät, ein Interface und alle Funktionen sollen integriert sein.

Alle diese Beispiele haben eine Gemeinsamkeit. Der Kunde ist bereit, aufgrund der Möglichkeit eines einzigen Interfaces, eines einzigen Geräts auf Qualität zu verzichten. Oder wie sehen Sie ein Smartphone? Und wie stellen Sie sich ihr ERP-System von morgen vor? Etwas schneller, etwas einfacher, etwas zuverlässiger, … oder ganz anders?

Innovatives Anforderungsmanagement ist möglich!

Dazu ist bei der Ermittlung der Anforderungen konsequent die Frage nach der Erwartungshaltung zu stellen? Was erwartet Ihr Kunde vom Produktportfolio, Dokumentenmanagement, CRM,  Verkauf, Kalkulation, Transportlösung, Einkauf, Personalinformationen, u.s.w.? Sinngemäss gilt dies auch in der ersten Dimension (den internen Erwartungen an ein neues System, an eine neue Funktion). Versuchen Sie die bisherige Arbeitsweise nachzubilden, dann vermeiden Sie Fehler – innovatives Anforderungsmanagement ist dies aber nicht.

Für innovatives Anforderungsmanagement stellen Sie sich im Team bei jeder Anforderung folgende Fragen:Anforderung_Dimension

  • wieso diese Anforderung?
  • weshalb diese Anforderung?
  • warum diese Anforderung?
  • wann macht diese Anforderung Sinn?
  • was ist an dieser Anforderung wertschöpfend?

… dann stehen Ihre Chancen für ein innovatives Anforderungsmanagement in ihrem nächsten Schritt im ERP-Projekt oder ERP-Release sehr gut. Wenn Sie jetzt erwidern, Sie hätten sehr viele Anforderungen nur um Vorgaben, Vorschriften oder Richtlinien einzuhalten – dann gebe ich Ihnen natürlich recht. Doch dieser Blog handelt ja auch von Ihren Möglichkeiten für ein innovatives Anforderungsmanagement. Standard-ERP-Anforderungen gehören da nicht dazu.

Innovatives Anforderungsmanagement erfordert den Einbezug von mehreren Dimensionen und Teams in der Anforderungsermittlung und eine iterative Auseinandersetzung auf der Basis der W-Fragen zu jeder Anforderung.

Veröffentlicht am 9. November 2015

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