ERP Mobilität – für was, wie und womit?

ERP Mobilität kann als Sammelbegriff für einige Anforderungen verstanden werden. Natürlich verstehen wir unter Mobilität schnell einmal das Arbeiten am ERP-System ausserhalb der eigenen Büroräumlichkeiten. Zusätzlich zum Arbeiten „unterwegs“ kann ERP Mobilität auch bedeuten, dass der Zugriff Plattform-unabhängig (also mit dem persönlichen Laptop, mit Smartphone, dem Tablet, mittels dem PC in der Hotel-Lobby) möglich sein soll. Dies wiederum bedeutet, dass auch Themen wie „bring your own device“, Diebstahl oder Verlust der Endgeräte oder Anwendung der Passwörter dahinter verborgen sind. Nicht genug der mit der ERP-Mobilität verbundenen Chancen und Risiken kommt auch noch dazu, dass sich viel Anwender Wege suchen, Ihre Arbeit mit dem ERP-System so einfach wie möglich zu gestalten (was ja eigentlich eine gute Absicht darstellt) und dabei oft vor der Wahl stehen, die vom Unternehmen angebotene Lösung zu nutzen oder sich selbst zu organisieren (da etwas aus der Cloud, da ein kleiner Speicherplatz, da eine kostenfreie Anwendung).

Für 2016 rechnet das Statistikportal statista mit einem Absatz von 4.1 Millionen Smartphones. Im 2014 wurden ca. 1.1 Millionen Tablets in der Schweiz verkauft, wobei hier die Verkaufszahlen rückläufig sind. Gemäss Watson sollen im 2014 in der Schweiz 2.6 Milliarden für Computer-Hardware und -Software ausgegeben worden sein. Für Software, Apps, Abos, Streamingdienste und Zubehör wurden davon ca. 757 Millionen CHF aufgewendet. Von diese Ausgaben wird ein Mehrwert erwartet, von jedem einzelnen Anwender. Doch was versteht die Anwenderin / der Anwender unter Mobilität.

Eine Umfrage in einem Unternehmen aus der Ostschweiz [1] zeigt folgende Antworten:

  • (Mobile) Verfügbarkeit von Informationen
  • Erfassungsmöglichkeiten von bestimmten Angaben
  • Ablösung von Formularen und Berichten (ohne Papier)
  • Ersatz von im Einsatz stehenden, nicht funktionierenden Lösungen

Die Förderung und der Nutzen der Mobilität wird in derselben Umfrage mit der Höchstnote beurteilt. Dies vor Anliegen wie der allgemeinen Innovation, den integrierten Systemen und der Benutzerakzeptanz.

Mobilität – Vorgehen zur (weiteren) Entwicklung

Persönlich würde ich die Frage in etwa so stellen „welche ERP-Anwendungsfälle sind betreffend der Weiterentwicklung zum mobilen Einsatz gewinnbringend, für welche Funktionen lohnen sich die notwendigen Investitionen?“. Und wie lautet die allgemeine Antwort einiger Anbieter? In etwa so:

„Ihre Daten in Echtzeit. Zugriff von überall auf der Welt. Nur ein Login. Beschleunigter Informationsfluss. Synchronisation der Aufgaben und Termine. Steigerung der User-Experience.“

Genau, das können die Vorteile sein. Aber wo sind bei diesen Antworten die konkreten Anwendungsfälle? Und genau da sollten wir ansetzen. Beim Aussendienst und bei Service-/Wartungsprozessen können wir relativ einfach einsteigen und die Bedürfnisse ermitteln. Hier liegen die funktionalen Anforderungen so zu sagen auf dem „Silbertablet“ bereit. Und in dieser trügerischen „Einfachheit“ liegt auch eines der grossen Risiken. Warum? Weil der Weg von dem Bekannten zum „genau gleichen einfach mobil“ ganz schnell in Angriff genommen werden kann. Wir fassen zusammen. Das Vorgehen betreffend der Ermittlung der funktionalen Anforderungen unterscheidet sich inhaltlich nicht gegenüber dem Gewohnten und Bekannten. Die Anforderungsermittlung kann zügig durchgeführt und abgeschlossen werden. Genau – jetzt kommt das ABER. Wo funktionale Anforderungen sind, da sind nicht-funktionale Anforderungen nicht weit weg. Und hier tauchen mit der Mobilität ganz neue Aspekte und Prioritäten auf. Wie viel Zeit und Energie investieren Sie in die nachfolgenden, nicht abschliessenden Themen und Aspekte, wenn die funktionalen Anforderungen zur Mobilität bereits bekannt sind?

  • Endgeräte (Notebook, Smartphone, Tablet, eingebaute PCs, …)
  • Frontend (Nativ, HTML5 / JavaScript, Hybrid)
  • Anbindung (Remote Acess, SIM, Abo, Load Balancer, …)
  • Sicherheit (Verschlüsselung, Access Control, Geräte Management, Netzwerk / Firewall, Application FW, …)
  • Servicebereitstellung (Webserver, Messaging Server, Document Server, Mail Server, …)
  • Schnittstellen (Geodaten, AD, verschiedene Systeme, …)

Vielleicht zweimal genügend, zweimal teilweise genügend, zweimal eher zu wenig oder gar nichts?

Beachten wir die damit verbundenen Herausforderungen seriös und insbesondere auch nachhaltig, dann verstehen wir, weshalb es keine gute Idee ist, nur aufgrund der vorgängig aufgeführten und allgemein gehaltenen Argumente gleich die erstbeste, mobile ERP-Anwendung zu nutzen. Dies möchte ich als Appell an eine überlegte, langfristig ausgerichtete, skalierbare und weitere Herausforderungen berücksichtigende ERP-Systemarchitektur verstanden haben. Insbesondere wenn Sie mitten in einer ERP-Evaluation oder einem bedeutenden ERP-Release stehen, lohnt sich eine umfassende Ermittlung sowohl der funktionalen wie der nicht-funktionalen Anforderungen. Die dafür investierte Zeit mit entsprechenden Überlegungen wird sich schnell, spätestens beim nächstfolgenden neuen Bedürfnis im Bereich der ERP-Mobilität bezahlt machen.

[1] 2015, Daniel Frei, Bedeutung der ICT, ISBN 978-3-95820-259-7

Veröffentlicht am 4. April 2016

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